Die fleißige Rebmaus und das Rumpelstilzchen

„Ach, wie gut ist, dass niemand weiß,
dass ich Rumpelstilzchen heiß!“

Die fleißige Rebmaus sammelte Nüsse und Brotkrumen, als ihr Weg sie an einem sonderlichen Wesen vorbeiführte. Ein Männlein mit grünem Wams und langem zotteligen Bart tanzte und sprang um ein Feuer, während es immer und immer wieder dieselben Worte wiederholte. Die Rebmaus rümpfte ihr Näschen, waren ihr die Verse des seltsamen Männleins doch allzu fremd. Außerdem – was ging das Wesen sie an? Sie hatte Besseres zu tun – und zwar Vorräte anzulegen für einen langen Winter.

Als die Tage vergingen, trieb es die Rebmaus hinaus aus dem Wald und hinein in die Stadt. Sie heftete sich an die Fersen einer gut gekleideten Dame und huschte hinter ihr her durch die Mauerritzen in das Königsschloss. Dorthin, wo sie hingehörte – immerhin war die Rebmaus eine stolze Vertreterin ihrer Art, die dem luxuriösen Schmarotzerleben frönte und sich jeglichem Genuss hingab.

Ihr Weg führte sie in eine Kammer, die voll Stroh war. Inmitten des Raumes befand sich ein Spinnrad, auf dem die weinende Müllerstochter hantierte. Hm, dachte die Rebmaus bei sich und rümpfte ihr Näschen. Was wohl hier vor sich geht?

Genüsslich knabberte sie am Stroh, bis die Türe aufging und ein der Rebmaus allzu bekanntes Männlein die Kammer betrat. „Guten Abend, Müllerstochter“, sagte das Männlein. „Warum weinst du denn so?“

„Ach, ich soll Stroh zu Gold spinnen und verstehe nichts davon.“

„Was gibst du mir, wenn ich es dir spinne?“, fragte das Männlein und hüpfte auf seinen kleinen, aber kräftigen Beinen vor dem Mädchen auf und ab.

„Mein Halsband“, sagte die Müllerstochter.

Jäh kam Bewegung in das Männlein. Zack, zack zog es an der Schnur, so lange, bis alles Stroh zu Gold versponnen war und die Rebmaus auf dem Trockenen saß. Neugierig, denn das war sie!, zog sie sich in eine Mauerritze zurück und erwartete die nächste Nacht. Wiederum sollte die Müllerstochter Stroh zu Gold verspinnen und wiederum erschien das Männlein. „Meinen Ring vom Finger“, sagte das weinende Mädchen, als das Männlein der Müllerstochter erneut seine Hilfe anbot und eine Gegenleistung forderte.

Zack, zack ging es voran, bis alles Stroh zu Gold versponnen war.

Eine dritte Nacht harrte die Rebmaus aus und wartete, bis das Männlein erneut erschien. In ihrer Not versprach die Müllerstochter ihm das, was es begierig verlangte: ihr erstes Kind.

Nicht lang hin und der König feierte Hochzeit mit der Müllerstochter, die ihm zu unendlichem Reichtum verholfen hatte. Das ganze Land lebte in Saus und Braus zu Ehren der neuen Königin – so auch die fleißige Rebmaus, die sich ganz wie die Made im Speck fühlte. Köstlichkeiten jedweder Art fanden ihre Wege auf Bankette, Tische und auch auf marmorne Böden, sodass ihr kleines Mäulchen gar nicht Zeit genug hatte, all das zu verputzen, was da vor ihrem Näschen landete.

Nicht allzu lange und die Königin gebar ihr erstes Kind. Und wie der Teufel es wollte, erschien das seltsame Männlein vor der Königin und forderte seinen Lohn: ihr Kind. Weinend und zitternd versprach sie ihm alle Schätze dieser Welt, doch das Männlein ließ nicht ab. „Drei Tage will ich dir Zeit lassen“, sagte es. „Wenn du bis dahin meinen Namen herausgefunden hast, so kannst du dein Kind behalten.“

Die Rebmaus rümpfte ihr Näschen und machte sich auf winzigen Füßen auf den Weg zur Königin. Es sollte keine drei Tage dauern, bis das Geheimnis um den Namen des Männleins gelüftet war. Mit piepsender Stimme flüsterte die Rebmaus der Königin etwas ins Ohr.

Als das Männlein wieder erschien, fragte die Königin: „Heißt du Rumpelstilzchen?“

„Das hat dir der Teufel gesagt!“, schrie das Männlein und stampfte so fest auf den Boden, dass sein rechter Fuß in der Erde versank. Es packte mit Wut danach und riss sich selbst entzwei.

Die Rebmaus rümpfte ihr Näschen und trippelte an die Seite der Königin. Da das böse Männlein besiegt war, gab der König ein rauschendes Fest, bei dem nicht nur die Rebmaus auf ihre Kosten kam.

Was danach mit ihr geschah, bleibt hinter dem Schleier der Legende verborgen. Doch es heißt, dass die genießerische Rebmaus, der kleine Schlawiner, ein neues Zuhause gefunden hat: im Burgenland, wo es sich dem Genuss eines ganz besonderen Luxus, dem Grünen Veltliner, hingibt …