Der Fischer und die Meerjungsau

Ilsebill hat keinen guten Tag heute. Nicht im Entferntesten.

Es war nicht das erste Mal, dass der Fischer in Gedanken versunken seine Angel auswarf, über den See hinausblickte und über seine Frau grübelte, die ihm die Hölle heißmachte, weil er es nicht fertigbrachte, ihr ein angenehmeres Leben zu bieten als das in der kargen Fischerhütte. Er schüttelte den Kopf, einmal und ein zweites Mal, als seine Rute begann sich nach unten zu biegen. Und das mit einer Vehemenz, die dem Fischer alles abverlangte, um die Kontrolle über die Rute zu bewahren.

Ächzend zog er an der der Angel. Immer und immer wieder, bis er das Ding, das sich daran festgebissen hatte, an die Wasseroberfläche beförderte. Dessen Oberkörper war mit Borsten übersehen, zwei markante Löcher lugten aus seiner ovalen Nase hervor, seine rosafarbenen Ohren wackelten, als das Ding sich in des Fischers Griff wand. Am markantesten aber war die riesige Flosse, mit der das Ding um sich schlug. „Gnade!“, schrie es laut, „Gnade! Tut mir nichts! Ich bitte Euch. Ich bin eine Meerjungsau. Wenn Ihr mich am Leben lasst, werde ich Euch jeden Wunsch erfüllen.“

Jeden Wunsch erfüllen? Der Fischer überlegte nicht lange, kniete sich zu der zappelnden Meerjungsau und sprach in ihre mächtigen Ohren. „So soll es sein. Meine Frau Ilsebill fühlt sich nicht wohl in unserer Fischerhütte. Sie wünscht sich ein Haus. Ein großes Haus für uns beide.“

Die Meerjungsau nickte, so gut es ihr fleischiger Kopf zuließ. Der Fischer löste den Haken aus ihrem Maul und kehrte zu seiner Frau zurück. Alles hatte sich verändert. Freudestrahlend fiel Ilsebill ihm um den Hals, wie sie es schon seit Jahren nicht mehr getan hatte. Die Hütte hatte sich in einen Palast verwandelt. Wo einst winzige Räume gewesen waren, prangten nun riesige Säle voller Prunk und Diener, die auf ihre Anweisungen warteten.

Ilsebill war glücklich.

Doch ihr Glück währte bloß drei Tage.

„Ich will Königin sein“, sagte sie, „und große Feste geben. Die Menschen sollen sich bei uns wohlfühlen.“

Der Fischer warf ein weiteres Mal die Angel aus und wieder biss die Meerjungsau an. „Meerjungsau“, sagte er schnaufend, während er das mächtige Tier an die Wasseroberfläche beförderte. „Ich lasse dich am Leben, wenn du dafür sorgst, dass meine Frau Königin wird und ihre Feste von vielen Menschen besucht werden, die sich wohlfühlen.“

„Ich kann Euch helfen, Fischer“, sagte die Meerjungsau und deutete mit ihrem Kopf in Richtung eines Busches. „Grabt unter dem ersten Busch. Ihr werdet einen Stock darunter finden. Werft ihn ins Wasser. Dann wird Euer Wunsch sich erfüllen.“

Der Fischer nickte, löste den Haken und entließ die Meerjungsau prustend zurück ins Wasser. Er tat, wie das Tier ihm geheißen hatte, nahm den Stock aus der Erde und schleuderte ihn in hohem Bogen in den See. Als er nach Hause kam, war alles anders. Der Palast hatte sich in ein Schloss verwandelt. Ilsebill trug die edelsten Kleider, die er je gesehen hatte. Diener deckten die langen Tische und füllten die Gläser mit Wein.

Es dauerte nicht lange, bis die ersten Gäste eintrafen. Sie verbeugten sich vor Ilsebill, reichten ihr Geschenke, setzten sich an den Tisch, nippten von ihrem Wein – und verließen das Schloss so schnell, wie sie es betreten hatten.

Ilsebill rümpfte die Nase, doch so schnell würde sie sich nicht geschlagen geben. Ein weiterer Tag verging, an dem sie Gäste einlud, die ihr Geschenke reichten, sich an den Tisch setzten, an ihrem Wein nippten und das Schloss verließen – so schnell, wie sie es betreten hatten. Noch ein Tag verging. Und noch einer.

„So kann das nicht weitergehen!“, schrie Ilsebill und rüttelte an den Schultern des Fischers. „Ich bin Königin! Meine Gäste sollen sich bei mir wohlfühlen!“

Ein weiteres Mal ging der Fischer an den See, warf die Angel aus und zog die Meerjungsau an die Wasseroberfläche. „Meerjungsau, meine Frau ist Königin in einem Schloss. Doch ihre Gäste fühlen sich nicht wohl. Sie will beliebt sein. Hilf mir, Meerjungsau!“

„Das kann ich wohl“, sagte die Meerjungsau. „Doch dafür müsst Ihr etwas für mich tun.“

Der Fischer stimmte zu. Alles, alles würde er tun, um Ilsebills Wunsch zu erfüllen. Er zog die Meerjungsau unter Stöhnen aus dem Wasser, wie das Tier ihm geheißen hatte, rieb ihre Flosse mit einem Tuch ab. Und siehe da! Die Flosse verwandelte sich in ein Paar Beine, auf dem die Meerjungsau lief, als hätte sie das schon immer getan. Sie rannte voraus, wühlte mit ihrem Rüssel in der Erde, steuerte eine neue Richtung an, bis sie fand, was sie gesucht hatte. Rebstöcke. „Zweigelt“, sagte die Meerjungsau. „Erntet die Trauben, Fischer. Aber achtet darauf, dass Ihr bei jeder grünen Traube die untere Hälfte wegschneidest. Das ist das Geheimnis, wie Ihr Eure Gäste dazu bringt, sich bei Euch wohlzufühlen.“

Der Fischer tat, wie die Meerjungsau ihm aufgetragen hatte. Als er fertig war und die Trauben in einem Bottich gesammelt hatte, schloss er die Augen, wie das Tier von ihm verlangte, und öffnete sie erst wieder, als er ein Fass vollgefüllt mit Wein vorfand. „Zweigelt von bester Reife und Qualität. Dies wird Euch bei Eurem Wunsch helfen.“

Der Fischer bedankte sich, beorderte einen Diener zu sich und brachte das Fass in das Schloss.

Bald schon kamen die Gäste. Sie reichten Ilsebill Geschenke, setzten sich an den Tisch, nippten an ihrem Wein – und blieben. „Was für ein saftiger Wein!“, rief der eine. „Lang und weich im Abgang. Fruchtig und frisch“, sagte der andere.

Ilsebill grinste zuerst und dann … dann lachte sie, wie der Fischer sie schon lange nicht mehr lachen gehört hatte. Die Gäste feierten ihre Königin viele Tage und Nächte bis an ihr Lebensende.

Von der Meerjungsau allerdings wurde nie wieder etwas gesehen. Sie sei wieder in den See zurückgegangen, hieß es von den einen. Sie sei gestorben, sagten die anderen.

Jahrhunderte später aber flüsterten Menschen einander verschwörerisch von einem Wesen zu, das in Neckenmarkt im Burgenland dabei gesichtet wurde, wie es sich Nacht für Nacht auf die Suche nach dem herausragenden Zweigelt machte …