Wie der Murmelstier die böse Königin bezwang

Majestätisch, mit großen, aber gemächlichen Schritten durchstreifte der Murmelstier die Gefilde. Er war von kräftiger Statur, doch sein einst glänzendes Fell war matt geworden. Zersaust und löchrig verlieh es ihm ein wildes, verwegenes Aussehen. Doch was fremde Augen nicht sahen, waren die Mattigkeit und Erschöpfung, die den Murmelstier Tag für Tag überfielen. Schwer stieg er das Gebirge empor. Biegung um Biegung. Meter um Meter. Er musste Kraft tanken – von einem Elixier, das ihm neue Macht verleihen würde.

Was er suchte, war bisher von keinem menschlichen Wesen gefunden worden. Es hieß, sagenhafte Wesen hüteten das Elixier wie einen Schatz. Dort  – hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen.

Ein Stöhnen ließ ihn aufhorchen. Atmen. Eine rasche Bewegung im Dickicht. Eine junge Frau, ihre Haut weiß wie Schnee, ihre Lippen rot wie Blut und ihr Haar schwarz wie Ebenholz, trat ihm aus dem Gebüsch entgegen. Sie zitterte ein wenig, doch ihre Furcht galt nicht dem Murmelstier. „Ich habe mich verlaufen“, sagte die Frau, „bitte hilf mir. Ich bin zu erschöpft, um den Weg zurückzugehen. Doch die Jäger der Königin dürfen mich nicht finden.“

Der Murmelstier blies Luft durch seine Nüstern, als die junge Frau sanft über sein zersaustes Fell strich. „Ich werde dich gern bis zu deinem Ziel tragen.“ Er war erschöpft von dem langen Aufstieg, doch die Angst der jungen Frau erregte sein Mitleid. Er würde ihr helfen, so gut er konnte. Er ging auf die Knie und ließ es zu, dass sie auf seinen Rücken kletterte. „Ich bin das Schneewittchen“, sagte sie und klopfte ihm sanft auf die Schulter.

Gemächlich setzte der Murmelstier sich in Bewegung und ging den Pfad entlang, den Schneewittchen gekommen war. Es dauerte nicht allzu lange, da kam er auf eine Lichtung, auf dem ein winziges Häuschen stand. Er wagte einen Blick hinein. In dem kleinen Zimmer standen sieben Bettchen, auf dem winzigen Tisch befanden sich sieben Tellerchen. Mochte dies hier die Heimstatt der sieben Zwerge sein?

Ehe er sich’s versah, war der Murmelstier umzingelt von kleinen Männern mit Zipfelmützen und Bärten, die sich schützend um das Schneewittchen drängten und ihm mit Pickeln und Hämmern drohten.

„Nein!“, schrie Schneewittchen. „Er hat mich hergebracht. Er hat mir geholfen. Tut ihm nichts.“

Die Zwerge blickten grimmig drein. Würde der Murmelstier losgelassen, wären sie ihm hilflos ausgeliefert, Erschöpfung hin oder her. Dennoch waren sie tapfer und wichen keinen Schritt zurück.

„Ich habe nichts Böses im Sinn. Ich bin auf der Suche nach eurem Schatz, der mir wieder zu voller Stärke verhelfen soll. Teilt ihn mit mir und es soll nicht euer Schlechtestes sein“, sagte der Murmelstier.

Die Zwerge steckten die Köpfe zusammen. „Nein!“, sagte der Älteste von ihnen. „Du Untier! Du sollst gehen und uns in Ruhe lassen.“

Gelassen, wie er war, verließ der Murmelstier die Lichtung. Er wusste, seine Zeit würde kommen. Er fand Unterschlupf in einer Höhle, wo er sich zur Ruhe bettete. Ehe die zweite Nacht um war, erschienen die sieben Zwerge bei ihm. Zaghaft, zögerlich richtete der Älteste sein Wort an den Murmelstier.  „Unser Schneewittchen ist in großer Gefahr. Die böse Königin trachtet nach ihrem Leben. Wenn du uns hilfst, sie zu beschützen, werden wir dir geben, wonach du suchst.“

Der Murmelstier senkte sein Haupt und zeigte den Zwergen seine mächtigen Hörner zum Zeichen, dass er einwilligte.

Am nächsten Morgen betrat ein Heer von Jägern und Attentätern, angeführt von der bösen Königin, die Lichtung und verlangte nach Schneewittchen. Anderenfalls würden sie das Häuschen mitsamt den sieben Zwergen in Schutt und Asche legen. Doch die Zwerge waren nicht allein. Mit wildem Gebrüll und der letzten Kraft, die in seinen Adern steckte, und dampfendem Blut trat der Murmelstier dem Heer entgegen und nahm seine Widersacher mitsamt der Königin auf die Hörner.

Die Zwerge und Schneewittchen jubelten, als der Feind besiegt war.

Sollte an dieser Stelle nicht auch ein Prinz auftauchen? Und wie er das tat. Nachdem die Schlacht geschlagen war, kniete der Prinz vor Schneewittchen nieder und führte sie heim als seine Frau.

Die Zwerge hielten ihr Versprechen und brachten den Murmelstier zu ihrem Schatz: einer Rebsorte, die den Namen Blaufränkisch trug. Kaum gelangte er in deren Nähe wurden seine Lebensgeister gestärkt und er erwachte zu neuer Kraft.  Die Zwerge teilten mit ihm, banden einen Beutel voll junger Reben um seinen Rücken und winkten ihm zum Abschied zu.

Hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen war der Murmelstier nicht mehr gesehen. Aber vielleicht haben es ihm die sanften Hügel des Burgenlandes angetan. Es heißt, des Nachts treibe eine riesenhafte Gestalt mit im Mondlicht schimmerndem Fell und mächtigen Hörnern ihr Unwesen …