Wie das Einhörnchen Aschenputtel mit seinen Stiefschwestern aussöhnte

Es geht die Sage um, von dem Einhörnchen, dessen Horn, das ihm über das Jahr auf der Stirne wächst, sobald es im Dezember abgeworfen ist, Wunder vollbringt für den, der es findet. In der Stadt und am Land wird davon Kunde getragen und gar mancher hat versucht, solch wundersames Wesen zu fangen, um sich im Winter, wenn es sein Horn abstreift, einen Wunsch zu erfüllen und dies im nächsten Jahr, wenn es nachgewachsen und abermals abgefallen ist, aufs Neue. Nur ist es keinem, der diese Anstrengung unternommen, bisher geglückt, auch wissen die Einhörnchen, ihr Horn vor der Gier des Menschen zu verstecken. Daher hat noch niemand, der danach im Wald gesucht hat, das Horn eines dieser Tiere entdeckt und es gibt keine Menschenseele, die bezeugen könnte, je ein Einhörnchen gesehen zu haben. Doch gibt es sie, diese scheuen kleinen Wesen, die sich von Früchten und Nüssen ernähren und die im Spätsommer und Herbst geschäftig für die kargen Wintermonate Vorsorge treffen.

Und so begab es sich, dass ein Einhörnchen an dem Haselstrauche sich zu schaffen machte, den Aschenputtel vor vielen Jahren über dem Grabe seiner Mutter gepflanzt hatte. Längst hatte Aschenputtel mit seinem Prinzen, der mittlerweile König war, Hochzeit gehalten und ihm zwei Kinder geboren, einen Knaben, der seinem Vater dereinst auf den Thron folgen sollte, und ein Mädchen. Gleichwohl blieb es fromm und gut, wie Aschenputtel es seiner Mutter versprochen hatte, und ging jeden Tag getreulich an das Grab. So auch an dem Tage, als das Einhörnchen dort Nüsse für seinen Vorrat sammelte. Als das Tier nun die leichten Schritte des Mädchens vernahm, versteckte es sich geschwind hinter dem Strauch. Es wusste, dass die Menschen ihm nichts Gutes wollten, doch vorwitzig, wie es war, spähte es hinter den Haselzweigen hervor. Es sah, wie das Mädchen an das Grab trat, auf die Knie fiel und die Hände vor das Gesicht schlug, um bitterlich zu weinen. Die Tränen des Aschenputtel rührten das Tier so sehr, dass es schließlich hinter dem Busch hervortrat. „Mädchen, was bekümmert dich?“, fragte es und vergaß vor lauter Anteilnahme, sich vor dem Menschen zu fürchten.

Aschenputtel merkte auf und als es das possierliche Tierchen sah, trocknete es sich die Tränen. „Ich bin Aschenputtel“, sagte es, „und dies ist das Grab meiner Mutter, die ich an eine Krankheit verloren habe, doch das ist schon lange her. Ich bin so glücklich, wiewohl habe ich unendliches Herzeleid. So viele Jahre sind vergangen und nun gräme ich mich, dass meine Stiefschwestern, die mir einst Böses wollten, an meiner statt in Trostlosigkeit leben.“

Das Einhörnchen ward von den Worten des Mädchens neugierig geworden. „Wie ist es bloß gekommen?“, wollte es wissen. Aschenputtel antwortete: „Dafür, dass ich als Magd in der Asche vor dem Kamin schlafen musste, haben die Tauben ihnen die Augen ausgepickt und nun wünschte ich, es wäre nie geschehen. Wohl tragen meine Stiefschwestern ihr Los ohne Bitterkeit, nur ich, ich gräme mich gar für sie und kann es nicht mit ansehen, dass sie ohne Augenlicht durchs Leben gehen. Die Tauben haben ihre Lehre erteilt und meine Stiefschwestern ihre Schuld bezahlt. Es hat sie zu guten Menschen gemacht und ich fühle nun, ihr Opfer ist gar zu groß.“

Das Einhörnchen war getroffen von der Geschichte und überlegte, wie es Aschenputtel helfen könnte. Da erinnerte es sich, dass es die Antwort auf dem Kopfe trug. Es sagte: „Du weißt wohl, was ich bin?“

Das Mädchen war um eine Antwort nicht verlegen, auch war es ohne Hinterlist und böse Absicht und es sprach offen zu dem Tier. „Ich sehe dein Horn und es sagt mir, dass du kein gewöhnliches Eichhörnchen bist. Du musst ein Einhörnchen sein, obwohl ich noch nie eines zu Gesicht bekommen habe.“

Das Einhörnchen freute sich, dass Aschenputtel so frei mit ihm sprach und dabei nichts erbat; es festigte seinen Entschluss, ihm das Wertvollste, das es hatte, zum Geschenk zu machen. „Im Dezember, da komme ich wieder, und dann sollst du mein Horn haben. Es wird deine Schwestern wieder sehend machen und dich von deiner Schuld befreien. Bis dahin lebe wohl.“

Und so ward es gemacht. Im Dezember, das Horn war abgefallen, kehrte das Einhörnchen wieder und Aschenputtel kniete über dem Grab, um sein tägliches Gebet für die Mutter zu sprechen. Es nahm das Horn demütig an und überschüttete das Einhörnchen mit Dankbarkeit.

„Du liebes Einhörnchen, ich danke dir für deine großzügige Gabe, von der ich nicht weiß, wie ich sie dir vergelten kann. Doch verspreche ich dir, sie niemals zu vergessen.“

Als dann wurden die Stiefschwestern von ihrer Blindheit geheilt und Aschenputtel war so froh, dass es vor dem König um das Leben der Einhörnchen bat. Der König, der weise war und Ehrfurcht vor der Natur hatte, sah, wie glücklich die freimütige Gabe des Einhörnchens seine Frau gemacht hatte. Er verfügte, dass niemand in seinem Land je wieder versuchen sollte, einem Einhörnchen aufzuspüren und dass das Tier fortan unter seinem Schutze stand. Seine Untertanen erkannten, dass sie Unrecht getan hatten, das Einhörnchen zu verfolgen und die Tiere selbst legten, da sie sich sicher fühlen konnten, ihre Scheu vor dem Menschen ab. So kam es, dass der Mensch und das Einhörnchen gut Freund wurden. Und gar manches Tier bot seither sein Horn, dass der Mensch damit Gutes tue.